Tschulligung!
tamburin | 16 Februar, 2012 23:46
Heute fahre ich also auf dem einzigen Radweg in der ganzen Stadt, der vollständig von allen anderen Verkehrsteilnehmern getrennt ist, auch von den Fussgängern, und denke an nichts Böses. Im Halbdunkel geht aber doch ein untrennbarer Fussgänger auf meinem Radweg, obwohl der Fussweg bloss eine Heckenbreite entfernt ist. Halb so schlimm, also klingle ich kurz, er macht Platz, ich sause vorbei, alles klar. Als ich auf seiner Höhe bin, spüre ich den Reflex, mich zu bedanken. Ich bin schliesslich ein höflicher Mensch, und bloss, weil er aus Versehen auf der falschen Seite der Hecke unterwegs ist, brauche ich ja nicht ausfällig zu werden.
Trotzdem ist mir das eingefahren, dass ich mich reflexartig beim Fussgänger bedanken wollte, dass er den Radweg frei gemacht hat für mich. Mir ist durch den harmlosen Zwischenfall klar geworden: Wir sind viel zu anständig! Wir Velofahrer stehen zuwenig für unsere Rechte ein! Zum Beispiel, wenn wir uns gar nichts mehr dabei denken, wenn wenn der Stadtbus wie immer aus der Stoppstrasse herausfährt und uns den Weg abschneidet. Oder wenn wir uns auf unsere Nachfrage bei der Schulleitung nach Abstellplätzen für die Schüler in der Nähe des Schulhauses (nicht mehr oder bessere Abstellplätze, nein: Abstellplätze überhaupt!) mit irgendwelchen Floskeln abspeisen lassen. Wir haben uns daran gewöhnt, der schwächere zu sein. Das sind wir nur in physikalischer Hinsicht, nicht aber in verkehrspolitischer. Da sind wir gleichberechtigt. (Ich war weder in Physik noch in Staatskunde eine Leuchte, aber soviel habe ich verstanden.)
Damit mich keiner falsch versteht hier:
- Ich bin für einen freundlichen, respekt- und rücksichtsvollen Umgang unter allen Verkehrsteilnehmern
- Ich bin für Toleranz und nicht für Prinzipienreiterei oder blindes Befolgen von stumpfsinnigen Regeln
Aber wenn ich auf der Strasse mit dem Velo unterwegs bin, wenn ich mit dem Velo zu einem öffentlichen Gebäude fahre, will ich meine Rechte wahrnehmen können und Platz zum Fahren und Platz zum Abstellen meines Velos kriegen. Viel mehr verlange ich nicht, aber auch nicht weniger. Da sollten wir Velofahrer selbstbewusster werden, bei allem Gebrüll über Radfahrer auf Trottoirs und an Rotlichtern. Schwarze Schafe gibt es, die sollen auch bestraft werden. Aber eine sachliche Diskussion darüber, wie der Langsamverkehr gefördert werden soll, muss trotzdem möglich sein.
Jetzt höre ich dann sicher ganz viele Geschichten über Velorowdies. Bin schon gespannt. Bei dem Fussgänger habe ich mich dann übrigens nicht bedankt. Warum sollte ich! Allerdings habe ich ihn auch nicht schief angesehen oder aggressiv angeklingelt. Warum sollte ich!
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Veloverkehr .
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1. Torsten Cröger | 02/17,2012 at 18:08
Nur weil Velos in der Regel eine kleinere Masse als die Stadtpanzer haben, sind Sie noch lange nicht grundsätzlich benachteiligt. Aus irgendeinem Grund wollen ja immer alle ein möglichst leichtes Rad haben. Und im Verkehr spielen gerade die masselosen Elementarteilchen eine gewichtige Rolle (ja, genau, die lustigen farbigen Lichter...). Small is beautiful!
2. Tamburin | 02/18,2012 at 21:11
Torsten, Deine Commentare werden nicht leichter zu verstehen. Die Festkörperphysik sieht das mit der grundsätzlichen Benachteiligung der leichteren Körper bei einer Kollision grundsätzlich anders als Du, und obwohl ich Dich nicht kenne: Ich traue da meinem Physiklehrer mehr als Dir. Deine Physikkenntnisse benötigen dringend ein Impulsprogramm! (OK, das Wortspiel ist jetzt sicher schwer zu verstehen für Dich ;-)) Klingt ganz, als ob Du tatsächlich immer nur im Wald und auf Carbon Rad fährst.
3. Marcus | 02/22,2012 at 09:21
Unsere Interessenvertretung http://pro-velo.ch, bzw. deren regionale Verbände, sind immer dankbar für Hinweise auf Probleme: Schlechte Verkehrsführung, Signalisierung etc. Übrigens haben sie auch eine Liste von Abstellanlagen erstellt, vielleicht ist Eure Schulleitung noch dankbar für solche Unterstützung. Je positiver und konkreter, desto schlechter lässt sich Hilfe aussschlagen: http://www.pro-velo.ch/de/pro-velo/aktuelles/aktuelles/date/12/2011/art/neue-liste-veloabstellanlagen/
4. mbrennwa | 03/14,2012 at 18:29
wenn ihr an einem fussgängerstreifen anhaltet um fussgänger durchzulassen, sagen die bei euch auch entschuldigung? denen tut es irgendwie leid, dass da so ein armer velofahrer wegen ihnen anhalten musste. auch komisch, irgendwie.
5. tamburin | 03/15,2012 at 13:31
Genau, passiert mir auch ständig! Die Fussgänger haben nämlich ähnliche Minderwertigkeitsgefühle wie wir Velofahrer. Dabei haben sie ja Vortritt am Fussgängerstreifen. Ich nehme an, eingeschüchtert sind auch sie von den Autos, ein schlechtes Gewissen haben sie dann aber auch, wenn sie bloss ein Velo am Fussgängerstreifen aufhalten. Ich sag dann immer freundlich: Neinnein, Sie haben doch Vortritt! und bilde mir ein, Imagepflege für Velofahrer betrieben zu haben...